14 November - 15 März 2026
Die Ausstellung bietet eine beispiellose Begegnung zwischen den historischen Kreationen von Cartier und den klassischen Skulpturen der Albani-Sammlung. Durch raffinierte Gegenüberstellungen und wissenschaftliche Interpretation untersucht die Ausstellung, wie das Maison seit dem 19. Jahrhundert aus der Antike geschöpft hat und antike Formen in moderne Luxus- und Symbolsprache verwandelte.
Kapitolinische Museen, Piazza del Campidoglio, 1
Palazzo Nuovo in den Kapitolinischen Museen seine traditionelle Präsentation, um seine erste temporäre Ausstellung zu beherbergen. Speziell für die Begegnung mit den Kreationen des Maison Cartier wird eine Erzählung der Kontinuität statt des Bruchs eingeführt. Das Ergebnis ist ein ambitionierter Dialog zwischen Antike und Moderne, der die Prozesse der Neuinterpretation in den Mittelpunkt stellt, die dem künstlerischen Schaffen zugrunde liegen.
Kuratiert von Bianca Cappello, Stéphane Verger und Claudio Parisi Presicce, vereint die Ausstellung historische Werke aus der Cartier Heritage Collection und antike Skulpturen aus der Albani-Sammlung, ergänzt durch bedeutende Leihgaben italienischer und internationaler Institutionen. Das von Sylvain Roca konzipierte Ausstellungskonzept, bereichert durch eindrucksvolle szenografische Eingriffe von Dante Ferretti, betont die Theatralität, die sowohl Schmuck als auch Skulptur innewohnt: Jedes Objekt, ob Juwel oder Fragment der Antike, wird Teil eines inszenierten Dialogs, der zur kontemplativen Vertiefung einlädt.
Die Ausstellung beruht auf einer grundlegenden Prämisse: Die Antike ist kein stilistisches Reservoir, das in der Vergangenheit erstarrt ist, sondern ein kulturelles Feld, das die zeitgenössische Ästhetik weiterhin prägt. Für Cartier diente die klassische Welt als Matrix der Innovation und nicht der bloßen Nachahmung. Die Beziehung des Maison zur Antike gründet auf einer Faszination für Proportion, Symbolik und das expressive Potenzial der Form – Elemente, die sowohl der antiken Skulptur als auch der Haute Joaillerie zugrunde liegen.
Dieser Abschnitt der Ausstellung beleuchtet die breiteren intellektuellen und künstlerischen Kontexte, die Cartiers Auseinandersetzung mit der Antike prägten. Während Europa von archäologischen Entdeckungen, neoklassizistischen Wiederbelebungen und kosmopolitischen Reisen geprägt war, wurde die antike Welt zu einer gemeinsamen visuellen und konzeptuellen Sprache. Cartier reagierte auf diese Strömungen mit einem unverwechselbaren ästhetischen Ansatz, der klassische Disziplin mit moderner Kreativität verband.
Schon in seinen frühen Jahren bewegte sich Cartier in einer Welt, die von den Entdeckungen in Pompeji, Herculaneum, Griechenland und Ägypten fasziniert war. Die Designer des Maison nahmen die stilistischen Lehren der Antike nicht durch das Kopieren antiker Artefakte auf, sondern indem sie diese auf wesentliche Formen und symbolische Gesten reduzierten. Dieser Prozess findet eine starke Entsprechung in der Albani-Sammlung, die im 18. Jahrhundert als verehrtes Ideal des klassischen Geschmacks zusammengetragen wurde. Im Palazzo Nuovo sollten diese Marmore ein Bild der Antike vermitteln, das den europäischen Kanon nachhaltig prägte.
Durch die Gegenüberstellung von Cartiers Kreationen mit diesen Skulpturen zeigt die Ausstellung, wie die Designer des Maison auf ähnliche ästhetische Herausforderungen reagierten: Harmonie der Proportionen, Klarheit der Kontur, Ausgewogenheit zwischen Ornament und Struktur. In diesem Rahmen werden Edelsteine und Gold zu Erweiterungen der in der klassischen Tradition verankerten skulpturalen Disziplin.
Der Mythos bildet einen der zentralen Leitfäden der Ausstellung. In der Antike vermittelte er soziale Werte, kodierte spirituelle Überzeugungen und artikulierte Vorstellungen von Identität und Schicksal. Cartier verwandelte diese Erzählungen in ein Repertoire von Motiven und Symbolen, die bis heute bei einem modernen Publikum Resonanz finden. Anstatt mythologische Szenen zu illustrieren, nutzt Cartier den Mythos als konzeptionellen Katalysator und übersetzt Geschichten von Metamorphose, Schutz und Heldentum in subtile Gestaltungshinweise.
Zu den beständigsten Symbolen Cartiers gehört die Schlange, ein Motiv, das tief in der griechisch-römischen Ikonographie verwurzelt ist. Verbunden mit Heilung, Ewigkeit, erotischer Kraft und Transformation bot sie ein reiches symbolisches Vokabular, das Cartier in Armbändern, Halsketten und Ringen adaptierte. Die Ausstellung zeigt mehrere bewegliche Schlangenarmbänder, deren mechanische Raffinesse an den Einfallsreichtum antiker Goldschmiede erinnert.
Weitere mythologische Wesen – Sphingen, Greifen, Chimären – erscheinen in abstrahierter Form statt als wörtliche Darstellungen. Ihre Präsenz unterstreicht Cartiers Interesse an den psychologischen und ästhetischen Dimensionen des Mythos: Diese Kreaturen werden zu Emblemen von Geheimnis, Autorität und Schutz.
Die Kuratoren von „Cartier und der Mythos“ entwickelten eine narrative Struktur, die es den Besuchern ermöglicht, die sich wandelnde Beziehung des Maison zur Antike anhand mehrerer thematischer Cluster nachzuvollziehen. Jeder Abschnitt stellt Werke von Cartier zentralen Skulpturen der Albani-Sammlung gegenüber und zeigt, wie Motive, Formen und Ideen über die Zeit hinweg wandern.
Die Galerien des Palazzo Nuovo mit ihrer historischen Anordnung der Marmore bieten einen bemerkenswert kohärenten Rahmen für die Ausstellung. Die von Kardinal Alessandro Albani unter der Leitung von Johann Joachim Winckelmann zusammengestellte Albani-Sammlung bildete eine Grundlage für das moderne Verständnis klassischer Schönheit. Ihre Betonung idealer Proportionen, expressiver Zurückhaltung und narrativer Klarheit prägte den europäischen Geschmack bis weit in die Moderne hinein.
In diesem Abschnitt begegnen die Besucher Cartier-Kreationen, die neben Marmorbüsten, mythologischen Figuren und architektonischen Fragmenten präsentiert werden. Die Kontraste der Materialien – warmes Gold neben kühlem Marmor, schimmernde Edelsteine neben matter Steinoberfläche – erzeugen ein dynamisches Wechselspiel, das zum genauen Hinsehen anregt. Die skulpturalen Qualitäten des Schmucks, die aufgrund seines Maßstabs oft übersehen werden, treten hier eindrucksvoll hervor.
Einer der markantesten Beiträge Cartiers zur modernen Schmuckkunst ist die Übertragung architektonischer Prinzipien auf kostbare Objekte. Die Ausstellung zeigt, wie klassisches Ornament – etwa Akanthusblätter oder das griechische Mäanderband – das gestalterische Vokabular des Maison prägte. Bewegliche Armbänder erinnern an rhythmische Friese; Diademe evozieren die Klarheit von Tempelgiebeln; Broschen balancieren vertikale und horizontale Elemente mit architektonischer Präzision.

Die Belle Époque stellte eine besonders fruchtbare Phase für Cartiers Dialog mit der Antike dar. In ganz Europa suchten Aristokraten und Intellektuelle die Nähe zu klassischen Idealen und betrachteten die Antike als Zeichen von Raffinesse und kultureller Autorität. Cartier reagierte darauf mit der Entwicklung eines verfeinerten neoklassizistischen Vokabulars, das sich durch Eleganz, Linearität und grafische Zurückhaltung auszeichnete.
Die Einführung von Platin revolutionierte das Schmuckdesign und ermöglichte bisher unerreichte Zartheit. Cartier nutzte diese Innovation und schuf Juwelen von außergewöhnlicher Leichtigkeit, die dennoch strukturelle Klarheit bewahrten. Klassische Motive, an das neue Material angepasst, erhielten eine frische, moderne Vitalität. Lorbeerkränze wurden zu ätherischen Haarornamenten; Voluten erschienen als feine Diamantzeichnungen; geometrische Motive erreichten eine präzise Artikulation.
Dieser Abschnitt widmet sich auch Cartiers Neuinterpretation des Kameos, einer exemplarischen Verbindung von Skulptur und Schmuck. Anstatt antike Vorbilder zu reproduzieren, abstrahierte Cartier das Kameo-Konzept und behandelte das Juwel als Mikrorelief, das durch Material- und Lichtkontraste geformt wird. Dieser Ansatz entspricht dem übergreifenden Thema der Ausstellung: Transformation statt Imitation.
Das 20. Jahrhundert eröffnete neue stilistische und konzeptionelle Horizonte für Cartier. Das Maison integrierte Einflüsse aus moderner Kunst, globalen Kulturen und technologischer Innovation und hielt zugleich einen beständigen Dialog mit der Antike aufrecht. Diese Epoche ist nicht durch das Aufgeben klassischer Bezüge gekennzeichnet, sondern durch deren Verdichtung zu essenziellen Formen.
Jean Cocteau, eine Schlüsselfigur der französischen Avantgarde, spielte eine wichtige Rolle bei der Neugestaltung von Cartiers Umgang mit klassischen Motiven. Seine Faszination für den Mythos prägte mehrere Kooperationen, aus denen Werke von großer konzeptioneller Klarheit hervorgingen. Cocteaus Einfluss zeigt sich in der Dualität der Formen, der Reinheit der Linie sowie im Gleichgewicht zwischen Minimalismus und Symbolik, das Cartiers Kreationen der Mitte des 20. Jahrhunderts kennzeichnet.
Mythologische Wesen erscheinen in diesem Abschnitt als Embleme psychologischer und kultureller Komplexität. Cartiers Behandlung dieser Motive offenbart eine Sensibilität für die emotionale Aufladung, die solchen Figuren in der Antike eigen war. Ob als subtile Andeutung oder als kraftvolles Statement – diese Kreationen unterstreichen das Engagement des Maison, archaische Symbolik mit modernen ästhetischen Fragestellungen zu verbinden.
Die letzten Kapitel der Ausstellung untersuchen, wie zeitgenössische Cartier-Designer die Antike in einer Welt neu interpretieren, die von digitaler Kultur, neuen Materialien und globaler Hybridität geprägt ist. Klassische Bezüge sind heute nicht mehr an ein einziges stilistisches Idiom gebunden, sondern erscheinen als Echos, Resonanzen und konzeptionelle Grundlagen.
Zeitgenössische Cartier-Werke schwingen mit Erinnerung – an handwerkliches Können, an symbolische Systeme und an universelle Erzählungen. Die Ausstellung zeigt, wie selbst die innovativsten Stücke einen Dialog mit klassischer Geometrie, Ausgewogenheit und Symbolik bewahren. Das Juwel erscheint nicht nur als Schmuckstück, sondern als kulturelles Artefakt, das zwischen Tradition und Innovation vermittelt.
Moderne Cartier-Designer experimentieren mit Volumen, Farbkontrasten und unkonventionellen Materialien, doch die Echos der Antike bleiben präsent. Klassische Klarheit prägt weiterhin die Proportionen; mythologische Konzepte erweitern die Ausdrucksmöglichkeiten der Form. Diese Kontinuität unterstreicht die zentrale Erkenntnis der Ausstellung: Die Antike ist eine aktive Präsenz im zeitgenössischen Schaffen.
Die Ausstellung besitzt eine Resonanz, die über ihre ästhetische und historische Bedeutung hinausgeht. Sie eröffnet neue Perspektiven darauf, wie kulturelles Gedächtnis geformt, weitergegeben und neu erfunden wird. Indem Cartier in Dialog mit der Antike tritt, wird Schmuck nicht als Accessoire, sondern als künstlerisches Medium verstanden, das Fragen von Identität, Erbe und Imagination verhandelt.
Besucher, die an die feierliche Strenge des Palazzo Nuovo gewöhnt sind, erleben einen verwandelten Raum: weiterhin ehrfürchtig, aber neu belebt. Cartiers Kreationen bringen Farbakzente, Licht und erzählerische Details ein, die neue Blickweisen auf die klassischen Marmore eröffnen. Die Gegenüberstellung schärft das Bewusstsein für Materialien, Techniken und Ausdrucksstrategien antiker wie moderner Kunsthandwerker.
Obwohl fest in der Forschung verankert, pflegt die Ausstellung einen Ton redaktioneller Klarheit und Zugänglichkeit. Sie lädt dazu ein, darüber nachzudenken, wie die Antike in der zeitgenössischen Kultur fortlebt – nicht als akademisches Fachgebiet, sondern als Ensemble von Bildern, Symbolen und Idealen, die unser Verständnis von Schönheit und Bedeutung prägen. Die Erzählung entfaltet sich mit der Eleganz eines Magazinbeitrags und bewahrt zugleich die Präzision und Autorität musealer Forschung.
Rom, eine Stadt, in der sich Zeitschichten in einem dichten visuellen und kulturellen Gefüge überlagern, bildet den idealen Rahmen für diese Ausstellung. Die Kapitolinischen Museen verkörpern das bürgerliche und symbolische Erbe des antiken Rom. Cartier innerhalb ihrer Mauern zu präsentieren bedeutet, die Kontinuität künstlerischer Bestrebungen zu betonen: das Streben nach Proportion, Klarheit, Symbolik und Verfeinerung überwindet historische Grenzen. Die Besucher verlassen die Ausstellung mit einem erneuerten Bewusstsein dafür, wie die Antike die moderne Kreativität durchdringt – leise, beharrlich und von dauerhafter Relevanz.
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